Eine Umfrage: Bayerische Werkstätten in Zeiten von Corona

Patricia Koller/ Januar 12, 2021/ Beitrag/ 0Kommentare

Arbeitgeber sind aufgefordert, nach Möglichkeit Home-Office-Lösungen anzubieten. Viele Berufsgruppen dürfen derzeit überhaupt nicht arbeiten. Eltern schlagen aktuell Alarm, daß ihre (erwachsenen) Kinder trotz der Pandemie und während des härtesten Lockdowns in Bayern weiter in die Werkstätten für Menschen mit Behinderungen müssen.
Entgegen einigen anderslautenden Meldungen sind wohl doch nicht alle Werkstätten geöffnet. Über einen Bewohner einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen erfuhr ich, daß dort die Werkstätten nur “notfallmäßig” geöffnet sind und auch einige Betroffene derzeit im “Home-Office” tätig sind.  Wie bereits vorhergesehen, fallen die Rückmeldungen auf meine Umfrage hin sehr unterschiedlich aus, weil eben auch Menschen mit Behinderungen sehr unterschiedlich sind. Wir sind Individuen. Eine pauschale Meinung dazu kann es also nicht geben.  

Wir finden es generell unverantwortlich, ausgerechnet die vulnerabelste Gruppe in die Arbeit zu zwingen und sie so der Ansteckungsgefahr auszuliefern. Es sollte mindestens jedem, der das Risiko für sich selbst gut einschätzen kann, freigestellt sein, ob er weiter in die Werkstatt gehen/rollen möchte. Wer aus gesundheitlichen Gründen besonders gefährdet ist (z.B. Menschen mit COPD), muß unbedingt geschützt werden. Aus den ersten Rückmeldungen zu unserer Umfrage ergeben sich auch mehrere Krankschreibungen von Betroffenen, die sich selbst damit schützen, um sich nicht der Gefahr der Ansteckung ausliefern zu müssen.
Anscheinend regelt das jede Werkstatt so, wie sie gerade lustig ist. Aussage eines Mitarbeiters: “Jede Werkstatt kocht ihr eigenes Süppchen. Es gibt keine einheitliche Regelung.”

Es kamen auch Infos, daß teilweise Betroffene in die Werkstatt gehen/rollen MÜSSEN und auch Risikopatienten nur mit einem ärztlichen Attest davon befreit werden können.
Mitarbeiter*innen der Werkstätten klagen auch darüber, daß manche Werkstätten und deren Gruppenleiter*innen die Corona-Maßnahmen nicht adäquat umsetzen. Die Busfirmen, welche die WfBM-Mitarbeitenden fahren, halten – ihren Aussagen nach – nicht immer die Maskenpflicht und den Mindestabstand ein.

Grundsätzlich kann man dazu sagen, daß viel Verwirrung und Verunsicherung herrschen.  

Einige WOLLEN aber anscheinend in die Werkstätten, weil sie mit sich alleine nichts anzufangen wissen und ihnen der Lockdown ohne Arbeit zu langweilig wäre.  

Es wurden in manchen Werkstätten wohl auch Gruppen gebildet, so daß man durch die Aufteilung nicht mehr die volle Arbeiter*innenzahl gleichzeitig anwesend hat.

Das StMAS rechtfertigt die aktuelle Lösung – wie üblich – damit, daß man den Menschen mit Behinderungen ihre “gewohnte Tagesstruktur” belassen wolle.
Nach der UN-Behindertenrechtskonvention dürfte es diese Werkstätten eigentlich gar nicht mehr geben. Bayern erschafft aber munter immer mehr davon, anstatt sie abzubauen.  
https://www.stmas.bayern.de/coronavirus-info/corona-menschen-behinderung.php  

Ich persönlich finde es traurig, wenn man einen miserabel entlohnten Arbeitsplatz benötigt, um überhaupt soziale Kontakte haben zu können. Gleichberechtigte Teilhabe sollte nicht nur Arbeitsleben bedeuten, sondern auch mehr Freizeitmöglichkeiten und Teilhabe an der Gesellschaft bieten, die oft schon alleine am Fehlen von Barrierefreiheit oder passenden Assistenzleistungen scheitert. Vielen Menschen mit Behinderungen wurden in den Heimen sogar die Besuchsmöglichkeiten während der Lockdowns genommen.
Selbst echte Fans der Werkstätten (ja, die gibt es auch unter uns) sind für die Schließung der Werkstätten während der Pandemie. Man sollte aber zumindest dafür sorgen, daß alle Arbeiter*innen garantiert optimal geschützt werden und  wenn das nicht möglich ist, muß man die Werkstätten geschlossen halten.  

Bei der Gelegenheit möchten wir auch gerne nochmals darauf aufmerksam machen, daß Menschen mit Behinderungen in den Werkstätten äußerst schlecht bezahlt werden und noch nicht mal den Mindestlohn erhalten. Sie führen – trotz Arbeit – ein Leben in bitterster Armut.

Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege zu den aktuellen Coronamassnahmen: https://www.stmgp.bayern.de/coronavirus/massnahmen

Katrin Langensiepen, Abgeordnete des Europäischen Parlaments, sagte mal bei einem großen Treffen in Berlin mit über 300 Menschen mit Behinderungen, daß sie leichter einen Besichtigungstermin in einer JVA bekäme, als in einer Werkstätte.

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